Mit Empathie für die Kinder und Liebe zum Beruf

von Alexander Gies

Fulda – Gänzlich uneitel, wie man es von Hanno Henkel gewohnt ist, steht er in T-Shirt und Jeans im Refektorium auf dem Frauenberg und bedankt sich artig, aber auch ein wenig verschmitzt für die „freundlichen Übertreibungen“, die ihm, dem langjährigen Schulleiter der Antonius von Padua-Schule, soeben zu seinem Abschied in den Ruhestand zuteil geworden sind. Und auch sein Rat ist typisch für den 65-Jährigen: „Kümmert euch nicht so sehr um die, die gehen, sondern lieber um die, die kommen“.

Sich selbst nicht so wichtig nehmen, das zeichnet Henkel aus. Er wirkt seit fast 30 Jahren bei antonius. Deshalb betont er, dass die Erfolge nie das Werk eines einzelnen, sondern immer das der Gemeinschaft gewesen seien. Bei antonius habe er günstige Bedingungen vorgefunden, um seine Vorstellung von Pädagogik umsetzen zu können, und merkt anerkennend an, „woanders wäre das nicht möglich gewesen“. Im September 1994 übernahm er nach Stationen in Schwalmstadt und Eiterfeld die Leitung der Antonius von Padua-Schule in Fulda, die seit 2014 nicht nur Förderschule, sondern auch inklusive Grundschule ist. Die Klassen umfassen maximal 15 Kinder. Walburga Kurth-Gesing vom Staatlichen Schulamt stellt in ihrem Grußwort fest, Henkel sei ein Lehrer aus Begeisterung, den Empathie für die Kinder und Liebe zu seiner Berufung auszeichneten. Der Schule habe er „ein eigenes, unverwechselbares Profil“ verliehen, so Kurth-Gesing. Hier lernten Kinder klassenübergreifend von- und miteinander. Jeder Schüler erhalte die Zeit, die er brauche, jeder werde individuell gefördert, und die Vermittlung von sozialen Kompetenzen und von Eigenverantwortung stehen ganz obenan.

In seiner Begrüßungsrede weist der Stiftungsratsvorsitzende Dr. Alois Rhiel darauf hin, dass Henkel der erste männliche Leiter der Schule gewesen ist, denn seit der Gründung 1908 hätten stets Vinzentinerinnen an der Spitze gestanden. Rhiel wertet die Schulleitung durch eine examinierte Lehrerin als Indiz dafür, dass antonius von Anfang an eine pädagogische Ausrichtung besessen habe. Die räumliche Nähe zwischen Henkels Elternhaus in der Adalbertstraße und dem Franziskanerkloster habe die christliche Haltung Henkels mitgeprägt und seine Motivation gefördert, sein Wissen und Können in den Dienst der Menschen zu stellen. Unter Hanno Henkel habe die Schule einen qualitativen Status erreicht, der ihr einen Alleinstellungsmerkmal verliehen habe, so Rhiel. Das gelte insbesondere mit Blick auf die inklusive Grundschule. Hanno Henkel habe den Weg von der Idee zur Wirklichkeit mit Ausdauer und aus wissenschaftlicher Überzeugung zurückgelegt, würdigt Rhiel Henkels Leistung.

Rainer Sippel vom Führungsteam von antonius dankt „unserem Inklusionspapst“, wie er Henkel liebevoll bezeichnet, für unheimlich viele tolle Momente, „die uns an vielen Punkten sehr viel weitergebracht haben“. Auch deshalb freut sich Sippel, dass Hanno Henkel weiter für antonius an der Konzeption für ein Stadtquartier mitarbeiten wolle. Günther Habig vom Führungsteam überreicht im Namen der Kolleginnen und Kollegen einen Gutschein für eine Rom-Reise, über die sich auch Henkels Ehefrau Gabriele sehr freute.

Zum Abschied von Hanno Henkel (Mitte) fand im Refektorium im Kloster Frauenberg ein Fachvortrag statt. Mit dabei waren auch (von links): Rainer Sippel, Lysann Elze-Gischel, Günter Habig, Gabriele Henkel, Georg Feuser und Alois Rhiel. Foto: antonius

Womöglich hätte Hanno Henkel der Verabschiedungsfeier in diesem Rahmen gar nicht zugestimmt, hätte sich alles nur um ihn gedreht. So aber lag der Fokus der Veranstaltung auf dem Fachvortrag von  Professor Dr. Georg Feuser aus Konstanz, der zum Thema „Inklusion – der Schlüssel zu einer humanen und demokratischen Gesellschaft“ sprach. Sein Vortrag war ein Plädoyer für eine zutiefst humane, aufgeklärte Pädagogik. Die stellvertretende Leiterin der Padua-Schule, Lysann Elze-Gischel, stellt Feuser als einen Pionier der inklusiven Schule vor. Feuser habe in Hessen die ersten Schulen für Kinder mit geistiger Behinderung aufgebaut und sich dafür eingesetzt, dass alle Schüler unterrichtet werden, unabhängig vom Schweregrad ihrer Beeinträchtigung.  Die „Sonderschulen“ waren für ihn allerdings nur der erste Schritt. Denn nun setzt er sich maßgeblich dafür ein, dass die Sonderwelten überwunden werden und alle „Sonderschüler“ uneingeschränktes Zugangsrecht ins „Regelsystem“ bekommen. Dieses Recht besteht zwar schon, wird aber nicht umgesetzt. Insofern stehe Feuser für die „Schule für alle“. Damit kein Kind zurückgelassen werde, seien allerdings  „massive Umwälzungsprozesse in der Organisation von Lernen und der Schulkultur vonnöten“, betont Elze-Gischel.

 Die Analyse Feusers der gegenwärtigen Pädagogik fällt desillusionierend aus: Es sei absurd, wie wir mit unserem Schulsystem Kinder von Anfang an zueinander in Konkurrenz setzten, sie gegeneinander aufbringen, ausgrenzen, selektieren würden und – sobald ein sonderpädagogischer Förderbedarf vorliege – in Behinderungskategorien einteilten und in Sonderräume steckten. Für Feuser steht fest: Es gibt „keine humanwissenschaftlich vernünftigen Gründe“, um weiterhin solche Schulen, Werkstätten und Wohnheime zu betreiben. Dadurch würden die Möglichkeiten zum Austausch extrem reduziert. Das beraube die Kinder ihrer Chance, sich in vielfältigen, heterogenen Mensch-Mensch-Beziehungen anregen zu lassen und sich weiter zu entwickeln. „Je vielfältiger die Bezugswelten gestaltet sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen Austauschprozesse eingehen können, die eine persönliche Entwicklung ermöglichen“, ist Feuser überzeugt. Das gelte vom Kindergarten über die Schule bis hin zum Betrieb auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die derzeitige Inklusion hingegen, so wie er sie sehe, sei lediglich reformistisch, das heißt: Sie erwecke nur den Anschein, etwas verändern zu wollen, tue dies aber nicht wirklich.

 Die Kinder bräuchten vielmehr eine Pädagogik, „die die Vielfalt der Potenzen der Menschheit in kooperativen Prozessen zusammenführt“, sagt Feuser. Im Sinne der Aufklärung fordert der emeritierte Professor, der vor allem in Bremen und Zürich gelehrt hatte, dass sich jeder Mensch nicht von fremder, sondern von eigener Vernunft leiten lassen solle. Für ganz entscheidend bei der Wissensvermittlung hält es Feuser, der 1941 geboren wurde, dass „wir die Kinder fragen, was sie lernen wollen“, und ihnen nicht einfach etwas aufdrücken. Denn gelernt werde nur, was für den Lernenden bezogen auf seine Bedürfnisse und Motive Sinn macht und von positiven Gefühlen begleitet ist und nicht von Angst. Und am besten, so Feuser, lernten die Kinder in Projekten und nicht in den starren Vorgaben eines Lehrplans. Zum Schluss wurde Feuser doch noch ein wenig versöhnlich, als er ausführte: „Die Überwindung der Exklusion in allen Lebensbereichen ist der Schlüssel zum Tor einer Weltgemeinschaft, die in der Vielfalt ihrer Sprachen, Kulturen, Religionen, in Einheit ihres Zusammenwirkens das Leben der Menschen auf dieser Erde menschenwürdig gestalten kann.“ Und das sei doch ein Antrieb, Inklusion jeden Tag aufs Neue zu beginnen.

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